Porträt 04

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„Es ist nichts Besonderes daran eine Leitungsfunktion zu übernehmen und in Teilzeit zu arbeiten.“
© eveleen007 - stock.adobe.com
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Die porträtierte Wissenschaftlerin arbeitet seit fast 20 Jahren an ihrem Institut. Knapp ein Jahr nachdem sie die Leitung einer Gruppe übernommen hatte, wurde ihr Sohn geboren. Mittlerweile ist ihr Sohn vier Jahre alt. Die Wissenschaftlerin ist nach wie vor Gruppenleiterin und arbeitet in Teilzeit, um aktiv Zeit mit ihrem Sohn verbringen zu können.

Wie kam es dazu, dass Sie eine Leitungsfunktion übernommen haben?

Wissenschaftlerin: Die Gruppenleitung wurde frei. Ich hatte schon immer Interesse an einer Leitungsfunktion und habe dann diese Chance ergriffen und mich erfolgreich beworben.

Hatten Sie Bedenken als Sie die Leitungsfunktion übernommen haben?

Wissenschaftlerin: Ich hatte keine grundsätzlichen Bedenken, der Führungsaufgabe nicht gewachsen zu sein, sondern habe mich auf eine neue Aufgabe mit Personalführung in meinem bisherigen Geschäftsfeld gefreut. Im Hinterkopf war der Kinderwunsch, aber dies hat mich nicht von der Entscheidung, die Leitungsfunktion zu übernehmen, abgehalten. Ich dachte mir, dass ich dann eine Lösung finden werde. Und das war gut so. Im Oktober habe ich die Gruppenleitung übernommen und im September des folgenden Jahres wurde mein Sohn geboren.

Nach der Geburt Ihres Sohnes haben Sie Elternzeit genommen und arbeiten seitdem in Teilzeit. Wie viele Stunden arbeiten Sie momentan?

Wissenschaftlerin: Ich habe zwei Jahre Elternzeit genommen, davon war ich die ersten fünf Monate komplett zu Hause. Danach habe ich angefangen, einen Tag pro Woche zu arbeiten. Nach dem ersten Geburtstag meines Sohnes habe ich auf 24 Stunden erhöht und nach dem zweiten Geburtstag auf 25 Stunden. Da ich immer so viele Überstunden hatte, habe ich nach dem dritten Geburtstag auf 28 Stunden aufgestockt. Mein Vollzeitvertrag ruht im Moment und ich habe einen befristeten Teilzeitvertrag.

Ich arbeite meist an fünf Tagen pro Woche. Einer dieser Tage ist ein langer Arbeitstag. An diesem Tag bin ich dann bis zu zehn Stunden am Institut. An den anderen vier Tagen gehe ich am frühen Nachmittag, um meinen Sohn von der Kita abzuholen. Allerdings arbeite ich häufig abends, wenn mein Sohn im Bett ist.

Was ist das Besondere an einer Leitungsfunktion in Teilzeit?

Wissenschaftlerin: Ich finde, es ist nichts Besonderes daran, eine Leitungsfunktion zu übernehmen und in Teilzeit zu arbeiten. Zumindest in meinem Fall – mit einem Team von fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – betrifft die Teilzeit nicht die Personalführung, sondern die Projektarbeit und damit verbundene Reisetätigkeit. Im Vergleich zu meiner früheren Vollzeittätigkeit bin ich öfter im Büro anwesend und somit besser verfügbar – aber nur zu bestimmten Uhrzeiten. Hier ist vorausschauende Planung wichtig. In Bezug auf die Personalführung hat aus meiner Sicht die Teilzeit also keine negativen Auswirkungen.

Die Herausforderung sehe ich eher in der Teilzeit als solcher: also die Schwierigkeit bei mehrtägigen Dienstreisen, bei Nachmittags-/Abendterminen und die Skepsis von Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen. Das kennen alle, die in Teilzeit arbeiten, ob Führungsposition oder nicht.

Welche Vorstellungen und Pläne hatten Sie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, als Sie erfahren haben, dass Sie Mutter werden?

Wissenschaftlerin: Spontan hatte ich keinen konkreten Plan, aber der hat sich mit der Zeit entwickelt. Ich wollte auf jeden Fall aktive Zeit mit meinem Kind verbringen können. Außerdem hatten wir als werdende Eltern den Wunsch, dass beide Elternteile arbeiten können und ich meine Position als Führungskraft behalten kann.

Wie hat Ihr Vorgesetzter auf Ihre Pläne reagiert?

Wissenschaftlerin: Mein Vorschlag wurde akzeptiert und mein Vorgesetzter war froh über meine frühe Rückkehr. Eine Vollzeittätigkeit wäre aus der Sicht meines Vorgesetzten erwünscht. Von Seiten meines Vorgesetzten bzw. meines Instituts gab es keine Idee, wie man vorgehen soll, wenn eine Führungskraft ein Jahr fehlt.

Wie haben Ihre Kolleginnen und Kollegen reagiert?

Wissenschaftlerin: Von meinen Führungskollegen habe ich kein Feedback bekommen. Bei meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gab es Unsicherheit und Unklarheit, was passieren wird und an wen man sich in Zukunft wenden kann. Wichtig war deshalb eine klare und schnelle Kommunikation darüber, wer für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuständig sein wird und dass ich selbst trotz des Kindes erreichbar bin.

Wie haben Sie die Betreuung Ihres Kindes organisiert?

Wissenschaftlerin: Im ersten Jahr wollten mein Mann und ich unser Kind nicht in Fremdbetreuung geben. Mein Mann ist leitender Angestellter bei einem großen Unternehmen und wollte eigentlich weiterhin Vollzeit arbeiten. Da ich aber fünf Monate nach der Geburt wieder anfangen wollte einen Tag pro Woche zu arbeiten, hat mein Mann die Betreuung an diesem Tag übernommen. Er hat acht Monate lang 30 Stunden Teilzeit in Elternzeit gearbeitet. Zusätzlich hatte er zwei Monate Elternzeit. Hätte ich keine Führungsposition gehabt, wäre ich wohl ein ganzes Jahr zu Hause geblieben.

Seit unser Sohn ein Jahr ist, geht er sechs bis sieben Stunden pro Tag in die Kita. In der Regel bringt ihn mein Mann vier Mal und ich einmal pro Woche hin. An vier Tagen pro Woche hole ich ihn ab und an einem Tag holt mein Mann ihn ab. Seit kurzem haben wir auch eine Babysitterin, die im Schnitt einmal im Monat unseren Sohn von der Kita abholt. Gerade beginnt auch die Zeit, dass die Kids im Anschluss an die Kita mit ihren Freunden mitgehen und von deren Eltern dann mitgenommen werden. Da kann man sich gegenseitig gut unterstützen. Bei längeren Krankheiten oder Kita-Schließzeiten spanne ich auch mal meine Eltern ein, die in der Ferne wohnen, oder unser Sohn macht dort ein paar Tage Urlaub.

Wie hoch ist Ihre Reisetätigkeit und wie organisieren Sie die Betreuung Ihres Kindes bei mehrtägigen Dienstreisen?

Wissenschaftlerin: Meine Reisetätigkeit ist sehr unterschiedlich, aber insgesamt deutlich weniger als vor der Geburt meines Sohnes. Momentan reise ich etwa drei Mal im Monat. Dies sind häufig ein- bis zweitägige Reisen. Bei der Organisation meiner Dienstreisen spielt mein Mann eine große Rolle, da er dann das Bringen und Abholen sowie die Betreuung unseres Sohnes übernimmt.

Wie gut fühlen Sie sich von ihrer Forschungsorganisation bzw. Ihrem Arbeitsumfeld bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt?

Wissenschaftlerin: Ich fühle mich ganz gut unterstützt. Allerdings ist die Unterstützung eher Akzeptanz und keine aktive Unterstützung. Andere ändern ihre Arbeitsweise nicht für mich, aber bei der Terminfindung wird meine Teilzeit, wenn möglich, berücksichtigt.

Eine gute Unterstützung bietet die flexible Arbeitsgestaltung und die Gleitzeit. An meinem Institut ist es außerdem möglich einen Heimarbeitsplatz zu beantragen, um auch von zu Hause arbeiten zu dürfen. Allerdings habe ich dies nicht beantragt, weil meine räumliche Situation zu Hause nicht den formalen Anforderungen entspricht. Ich fände es wünschenswert, wenn es pragmatische Regeln zum mobilen Arbeiten geben würde wie in anderen Unternehmen.

Hilfreich fand ich auch das Seminar meiner Organisation zu Vereinbarkeit von Familie und Beruf, da es verschiedene Möglichkeiten aufzeigt und vor allem den Austausch untereinander fördert. Anhand der Leitfragen konnte ich mir gut überlegen, was für mich wichtig ist.

Was sagen Ihre Projektpartner und Kunden zu ihrem Arbeitsmodell?

Wissenschaftlerin: Bisher habe ich eher positives Feedback bekommen. Manche Projektpartner merken gar nicht, dass ich in Teilzeit arbeite. Andere Projektpartner nehmen sehr viel Rücksicht. Ich habe aber auch schon zu hören bekommen, dass eine Mutter zu ihrem kleinen Kind gehört. Das wurde geäußert, ohne dass der andere wusste, dass dies auch mich betrifft.

Wie zufrieden sind Sie damit, wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Ihnen funktioniert?

Wissenschaftlerin: Ich bin zufrieden, aber es gibt noch Luft nach oben. Meine „eigene“ Freizeit kommt deutlich zu kurz. Eine Herausforderung ist die eingeschränkte Flexibilität bei der geschäftlichen Terminplanung. Das merke ich vor allem bei der Terminabstimmung in größeren Runden. Ich kann selten direkt zusagen, weil ich mich zuerst mit meinem Mann abstimmen muss. Letztlich verzichte ich auf Gehalt, um nicht so viele berufliche Verpflichtungen zu haben.

Was sind für Sie im Alltag die größten Herausforderungen?

Wissenschaftlerin: Die größte Herausforderung ist das Unplanbare wie Krankheit, ausgefallene S-Bahnen oder Streiks. Auch die starke Häufung von Terminen oder Deadlines ist eine Herausforderung. Früher habe ich dann viele Überstunden gemacht und konnte ohne Unterbrechung durcharbeiten. Heute muss ich nachmittags unterbrechen und arbeite dann am Abend von zu Hause aus weiter.

Welchen Ratschlag geben Sie anderen Müttern und Vätern?

Wissenschaftlerin: Informiert euch über verschiedene Arbeits- und Betreuungsmodelle. Findet ein individuelles Modell, das für euch als Eltern und das Kind passt. Reflektiert dieses Modell von Zeit zu Zeit und passt es gegebenenfalls an. Überwindet Rollenklischees und denkt offener.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wissenschaftlerin: Ich wünsche mir weiterhin eine zufriedenstellende Arbeit, mehr Zeit für Familie und Hobbys sowie mehr Flexibilität. Hilfreich wären gute Beispiele für Führung in Teilzeit. Außerdem wünsche ich mir Regelungen zum mobilen Arbeiten. Besonders wünschenswert wäre eine Kita in Betriebsnähe mit langen Öffnungszeiten, flexiblen Betreuungskonzepten – also zum Beispiel die Möglichkeit, das Kind ausnahmsweise erst um 11 Uhr zu bringen – und ausreichend Plätzen zu bezahlbaren Preisen.

Inspirator*innen

Individuelle Wege zur Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben

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  • „Es ist nichts Besonderes daran eine Leitungsfunktion zu übernehmen
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    Knapp ein Jahr nachdem sie die Leitung einer Gruppe übernommen hatte, wurde ihr Sohn
    geboren. Mittlerweile ist ihr Sohn vier Jahre alt. Die Wissenschaftler ist nach wie
    vor Gruppenleiterin und arbeitet in Teilzeit, um aktiv Zeit mit ihrem Sohn
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    Wissenschaftlerin B hat vor 8 Jahren angefangen neben ihrem Studium als
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    Porträt 07
  • „Das Besondere ist, dass man rund um die Uhr Verantwortung trägt.
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    Die porträtierte Wissenschaftlerin arbeitet seit 10 Jahren an ihrem Institut. Mit der
    Geburt ihrer Tochter ging in Jahr in Elternzeit. Kurz nachdem sie in ihre alte Position
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    Porträt 08
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    Die porträtierte Wissenschaftlerin hat vor 10 Jahren mit einem Promotionsstipendium
    an ihrem Institut angefangen. Vor sechs Jahren wurde sie als wissenschaftliche
    Mitarbeiterin eingestellt. Seit vier Jahren ist sie die stellvertretende
    Abteilungsleiterin. Ihr Mann arbeitet in der gleichen Abteilung. Gemeinsam haben sie
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    Porträt 09